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GLÜCKS-GESCHICHTEN

Die Begegnung mit Herbert – eine kleine Geschichte zum Nachdenken

15/04/2020
Die Begegnung mit Herbert

Ein fast perfektes Leben

Sie konnte sich echt glücklich schätzen. Sie war verheiratet mit dem tollsten Mann auf Erden, ein erfolgreicher Geschäftsmann aus London. Zusammen hatten sie zwei wundervolle Töchter, denen sie jeden Wunsch von den Lippen ablasen. Dadurch, dass die Geschäfte ihres Mannes sehr erfolgreich liefen, war ihnen nichts zu teuer und aussergewöhnliche Geschenke lagen an der Tagesordnung. Ihr Mann war zwar viel unterwegs und musste Termine auf der ganzen Welt wahrnehmen. Doch liess er es sich nicht nehmen, ihr auch vom Ende der Welt Liebesbotschaften in Form von wunderschönen Blumensträussen oder Tickets für bekannte Reitsportturniere, welche sie mit ihren zwei Freundinnen besuchte, zustellen zu lassen.

Ihr Haus war voll mit schönen Dingen. Ihr war es wichtig, dass ihre Haushaltshilfe sich sorgfältig um alles kümmerte. Ihre Töchter schickten sie auf eine Privatschule. Etwas anderes käme für sie und ihren Mann gar nicht in Frage. Schliesslich sollten sie einmal in ihre Fussstapfen treten und es zu etwas bringen. Eigentlich fühlte sich das alles an wie ein Traum und wüsste sie es nicht besser, käme es ihr gar nie in den Sinn zu glauben, dass dies ihr Leben war. Und doch war da etwas, das sie sich nicht erklären konnte. Diese innere Leere, die sie mehr und mehr überrollte…

Ungewollter Taxi-Dienst

Herbert dagegen hatte nichts. Gar nichts. Auf den ersten Blick war er schlicht und einfach ein Penner, wie man ihn an jeder Bahnhofsecke finden konnte. Herbert hauste in einem heruntergekommenen Wohnwagen, den er sich noch mit einem Bekannten teilte, der ebenso wie ein dahergelaufener Hund aussah. Dass jemand wie Herbert jedoch ihr ganzes Leben auf den Kopf stellen würde, damit hatte sie beim besten Willen nie gerechnet, als sich an diesem regnerischen Frühlingstag ihre Wege kreuzten.

Eigentlich war es nicht geplant, dass sie ihre beiden Mädchen heute zur Schule fahren musste. Aber da ihr Kindermädchen mal wieder absolut unzuverlässig und heute Morgen einfach nicht aufgetaucht war, musste sie den Taxi-Dienst gezwungenermassen selber übernehmen. So fuhr sie mit ihren Kindern kurzerhand in ihrem schwarzen Bentley Richtung Schule. Sie setzte die beiden gerade noch pünktlich ab und versicherte sich, dass die zwei auch bestimmt den kürzesten Weg in Richtung Schulzimmer nahmen. Erst dann fuhr sie los.

Eine Begegnung mit Folgen

An einer Rotlichtampel hielt sie an und bemerkte den kleinen, ziemlich rundlichen, Mann ein paar Meter vor ihr. Er hielt ein Stück Karton in die Höhe mit der krakligen Aufschrift: Wer ist so fröhlich und bringt mich nach Hause? Das musste ein Irrer sein, beschloss sie und verriegelte schnell das Auto, als sie ihn auf sich zukommen sah. Die Ampel musste aber auch immer auf rot geschalten sein! Unbeiert und mit einem frechen Grinsen blieb der alte Mann vor ihrem Auto stehen und sah sie direkt an. Wie alt er genau war, konnte sie auf den ersten Blick nicht erkennen, da sein halbes Gesicht von seinem langen Bart verdeckt war.

Er klopfte an ihre Autoscheibe und hielt den Karton erneut in die Höhe, um sicherzugehen, dass sie es auch lesen konnte. “Madame, sind Sie so fröhlich und bringen mich nach Hause bitte?”, rief er so laut, dass sie es selbst durch zehnfaches Panzerglas gehört hätte. “Nein, tut mir wirklich leid, ich nehme keine Tramper mit!”, entgegenete sie ebenso laut. Die Ampel war immer noch auf rot, unglaublich. Doch der kleine runde Mann liess nicht locker: “Madame, ich sehe es Ihnen doch an. Sie könnten heute etwas Gesellschaft gebrauchen und bringen mich sicherlich nach Hause. Sehen Sie denn nicht, dass es regnet und ich nass werde? Ansonsten sehe ich mich gezwungen dazu, hier und jetzt einen Regentanz aufzuführen und die Götter zu beschwören, mich sicher und ohne Erkältung nach Hause zu bringen.”

Sie fragte sich, aus welcher Anstalt dieser Mann wohl entlaufen war? Kopfschüttelnd und etwas genervt gab sie ihm zu verstehen, dass sie an keiner weiteren Unterhaltung jeglicher Art mit ihm interessiert war. Sie drehte sich zur Seite und lenkte ihren Blick demonstrativ aus dem anderen Autofenster. Keine zwei Sekunden später tauchte der Mann auch vor diesem Fenster auf. Diesmal tanzte er wirklich wie wild vor ihrem Auto herum und schrie in voller Lautstärke irgendwelches unverständliches Zeug in den Himmel. Als er bemerkte, wie ungläubig sie ihn anschaute, lachte er lauthals los und blinzelte ihr mehrmals völlig übertrieben zu. Sie konnte es nicht glauben, einem entlaufenen Clown begegnet zu sein und konnte sich nun ein Lächeln nicht mehr verkneifen. Das entging ihm natürlich nicht: “Ah Madame-Besserverdiener ist nun also so fröhlich und bringt mich nach Hause? Bitte?” Mit einer theatralischen Verbeugung liess er sich auf seine Knie fallen und bedankte sich mit zufriedener Miene bei ihr. Irgendetwas löste dieser verrückte Mann in ihr aus… Er war so unbeschwert, auf eine schon fast angenehme und bekloppte Art witzig.

Zwei Welten in einem Auto

So kam es, dass sie wenige Sekunden später tatsächlich zu zweit in ihrem Bentley sassen und Richtung Norden fuhren. Herbert, so stellte er sich ihr vor, besass selber kein Auto. So etwas brauche er nicht. Wie sollte er auch sonst solch charmanten und gutaussehenden Frauen begegnen, die ihn nach Hause fuhren? Herbert war ein Schlitzohr, dass merkte sie sofort. Aber sie mochte ihn irgendwie. Sie fühlte, wie er nach so kurzer Zeit etwas in ihr bewegte. Während er ihr unverblühmt von sich und seinem Leben erzählte, vergass sie komplett, dass sie eigentlich in diesem Moment einen gebuchten Friseurtermin verpasste.

Herbert berichtete ihr, dass sein Leben nicht immer so war wie jetzt. Auch er besass einmal ein Auto. Nicht einen Bentley so wie sie, aber dennoch ein Auto, dass ihm den Luxus erlaubte, jederzeit von A nach B zu gelangen. Er berichtete ihr davon, dass er ursprünglich einmal vorhatte, sich selbstständig zu machen und die Bäckerei seines Vaters zu übernehmen. Als sein Vater dann aber frühzeitig verstarb und Herbert damals noch zur Schule ging, wurde daraus nichts. Herbert erzählte ihr, dass er es damals nicht verstehen konnte, dass seine Mutter ihm diesen Traum kaputt gemacht und die Bäckerei verkauft hatte, weil sie ohne das Geld finanziell anonsten nicht über die Runden gekommen wären. So durchlief er seine Rebellenphase, zog durch die Strassen und kam nächtelang nicht nach Hause. Wie es seiner Mutter dabei ging, interessierte ihn damals nicht wirklich. Als er dann 18 war, kaufte er sich mit seinem gestohlenen Geld dieses erste Auto. Damit haute er endgültig von zu Hause ab und fand seinen Platz in seinem heutigen Wohnwagen auf einem einfachen Campingplatz. Mit seiner Mutter hatte er sich glücklicherweise noch vor ihrem Tod wieder versöhnt.

Nichts und doch so viel

“Du hast also dein halbes Leben mit nichts ausser deinem Auto auf diesem Campingplatz verbracht?”, entgegnete sie ihm ungläubig. “Oh ja und es war bzw. ist einfach nur geil! Entschuldige meine ruppige Aussprache aber hier auf dem Campingplatz verstellt man sich nicht. Jeder wird so akzeptiert wie er ist.” Sie konnte das kaum glauben, wie jemand mit so wenigen Dingen leben konnte. Waren doch ihr Haus und ihre Luxusgüter bisher völlig normal für sie.

Herbert versicherte ihr, dass es ihm wunderbar gehe, seit er sich auch noch von seinem Auto getrennt habe. Er fühle sich frei wie ein Vogel, könne jederzeit aufbrechen und gehen wohin auch immer er wollte. Er musste sich um nichts kümmern und konnte die Zeit damit verbringen, das Leben in vollen Zügen zu geniessen. Niemals musste er sich Sorgen machen, es könnte ihm etwas gestohlen werden. “Bei nix gibt es nix zu holen oder?”, lächelte er ihr verschmitzt zu.

Herberts Ansichten waren durchaus extrem. Er lebte wie in einer anderen Welt. Zumal man von ihrer Welt ausging. Doch noch nie hatte es ein wildfremder Mann geschafft, sie mit seiner Lebensgeschichte so zu fesseln. Dieser Mann faszinierte sie auf seine Weise. Er hatte nichts ausser seine Kleider und seinen kleinen Wohnwagen. Doch seine Augen funkelten heller als jede Nachtlaterne. Er sah unglaublich zufrieden und mit sich im Reinen aus. Natürlich wollte er auch wissen, wie sie lebte und so berichtete sie ihm von ihrem Mann, ihren zwei Töchtern und ihrem grossen Haus…

“Entschuldige, falls ich unhöflich bin, aber du siehst echt scheisse aus!”, platzte es aus ihm heraus, als sie damit fertig war, ihm aus ihrem Leben zu erzählen. Sie war baff. Hatte sie richtig gehört? Herbert fuhr fort: “Während du mir von deinem ach so tollen reichen Mann, der nie zu Hause ist, und deinem ganzen Kram, der bei dir zu Hause herumsteht berichtet hast, war dein Gesichtsausdruck wie eingefroren. Einzig bei der Erwähnung deiner beiden Töcher war ein leichtes Funkeln in deinen Augen ersichtlich. Auch wenn ich dich erst kurze Zeit kenne, weiss ich, dass du so unglücklich bist, wie du aussiehst.” Wieder war sie baff. Dass Herbert direkt war, wusste sie inzwischen. Aber dass er SO direkt war, nun auch wieder nicht. Ihr fehlten die Worte. Sie wollte mit Entsetzen etwas darauf antworten, jedoch wusste sie nicht was. Ihr wurde unweigerlich bewusst, dass er ihren wunden Punkt getroffen hatte. Ihre innere Leere schien entlarvt zu sein. Sie fühlte sich plötzlich unglaublich nackt. Hatte sie doch alles Erstrebenswerte erreicht und trotzdem ging es ihr nicht gut. Und nun sass dieser kleine runde Mann vor ihr, der noch weniger besass, als dass man es an einer Hand abzählen konnte und sagte zu ihr, dass sie “scheisse” aussah. Unglaublicherweise konnte sie ihm nicht einmal böse sein, weil sie tief in ihr drin wusste, dass er die Wahrheit ausgesprochen hatte und es dem nichts hinzuzufügen gab.

Die unverblühmte Wahrheit

Herbert war noch nicht fertig: “Weisst du, ich weiss, warum du so unzufrieden mit dir und deinem Leben bist und ich werde es dir jetzt auch sagen, weil du eine echt tolle Frau zu sein scheinst, die noch viel hübscher aussehen würde, wenn ihre Seele mehr Fröhlichkeit ausstrahlen würde. Du bist deshalb so unglücklich, weil du Dinge sammelst anstatt Momente einzufangen. Sieh mich an, ich bin ein armer Lump in deinen Augen und doch habe ich viel mehr, als dein ganzer Luxus dir je geben wird. Auch wenn ich mir keine teuren Reisen leisten kann, erlebe ich mehr, als du dir vorstellen kannst. Während du damit beschäftigt bist, dein Hab und Gut zu sammeln, zu pflegen und zu beschützen, erlebe ich die wunderschöne Welt da draussen, mache wunderbare Bekanntschaften mit den verschiedensten Menschen und führe interessante Gespräche. Du jedoch, wirst in deinem teuren Haus abkratzen und bis dahin trotzdem immer unzufrieden bleiben, weil du vor lauter Sammelwahn vergessen hast zu leben und die Welt mit all ihren Facetten zu erleben. Auch mal einfach nur “zu Sein” und “zu Fühlen”. Tu dir selber einen Gefallen, gehe nach Hause und mache dir Gedanken darüber, was ich verdreckter langbärtiger Mann zu dir gesagt habe.”

Diese Worte hatten sie getroffen wie kein richtiger Pfeil es besser hätte tun können. Herbert hatte tief in ihr ihren wundesten Punkt gefunden und ihn mit aller Wucht zum Vorschein gezerrt.

Nachdem der halbe Tag verstrichen war, ohne dass sie einmal auf die Uhr geschaut hatte, trennten sich die Wege von Herbert und ihr mit einer liebevollen Umarmung. Es war an der Zeit, ihre beiden Töchter von der Schule abzuholen. Obwohl sie Herbert nie wieder sah, war ihr Leben nach ihrem Aufeinandertreffen nicht mehr dasselbe. Sie selber war nicht mehr dieselbe wie zuvor. Sie würde Herbert nie mehr vergessen. Leider konnte sie ihm das nicht mehr persönlich sagen. Als sie ein paar Wochen später nochmal zum Campingplatz fuhr, war Herbert nicht mehr da. Er war wohl doch weitergezogen, raus in die Welt. Er wird irgendwo da draussen sein, um viele tolle Momente einzusammeln und neue Bekanntschaften zu machen…

Anmerkung: Diese Geschichte ist von mir frei erfunden – der Inhalt darf aber gerne zum Nachdenken anregen 🙂

Photo Titelbild:  Marc Kleen / Unsplash
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  • Antwort
    Sarah
    17/04/2020 at 20:24

    Danke für’s Teilen! 🙂
    Wie geht die Geschichte weiter? 😊

    • Antwort
      Nicole
      17/04/2020 at 23:16

      Hallo Sarah 🙂 Wir werden sehen, ob und wie die Reise von Herbert hier weitergeht… 🙂

  • Antwort
    jp. kohler
    17/04/2020 at 23:12

    liebe nicole ,
    ich finde diese geschichte wirklich cool ! vor allem weil sie so interressant, spannend und zugleich realitätsnah ist. wie es eben heute leider wirklichkeit ist. Gott hat es aber sehr gut eingerichtet : dass sich reiche leute nichts erkaufen können wie echt geliebt werden, zufriedenheit , geborgenheit , angenommensein, echte ehrliche freundschaft gesundheit , wahres wohlergehen uvm. sie sind irgenwie gefangen und erkennen es meist nicht ! eben eine gewisse gerechtigkeit gegenüber denn armen. Gott sei dank. ich lese gerne bewusst glücklich weil man mitbekommt wie andere denken, leben.
    vielen dank und ä liebe gruess und Gottes segen jürg aus der schweiz, berneroberland.

    • Antwort
      Nicole
      19/04/2020 at 13:34

      Lieber Jürg, ich bin wirklich erstaunt und auch froh darüber, dass die Geschichte mit Herbert doch ein wenig Anklang gefunden hat 🙂 Ja, das Berneroberland ist schön. Viele Grüsse dahin.

  • Antwort
    Olaf Späth
    18/04/2020 at 21:21

    Gefällt mir! Nette Geschichte, die zum Nachdenken anregt.

    • Antwort
      Nicole
      19/04/2020 at 13:28

      Hallo Olaf, freut mich, dass dir die Geschichte gefällt. Vielleicht gibt es eine Fortsetzung. Ich schaue mal, ob Herbert irgendwo wieder auftaucht… 🙂

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