Vermeidungsstrategien
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Vermeidungsstrategien: warum wir uns alle selbst etwas vormachen

Gastbeitrag von Anchu Kögl

Vermeidungsstrategien sind Verhaltensweisen, durch die wir unangenehme Situationen meiden. Für das Krisengespräch mit unserem Partner sind wir heute nun wirklich zu müde, zum Zahnarzt gehen wir nächsten Monat, nachdem wir das wichtige Projekt abgeschlossen haben und ins Fitnessstudio können wir nicht gehen, weil … ähhh … die Farbe unserer Sportschuhe nicht zur Hose passt.

Wir alle haben gewisse Vermeidungsstrategien. Das Problem ist, dass uns diese häufig nicht bewusst sind und wir unseren eigenen Scheiß auch noch glauben. Vermeidungsstrategien führen dazu, dass wir immer wieder in die gleichen Fettnäpfchen treten oder uns selbst sabotieren.

Ich unterscheide gerne zwischen zwei Arten von Vermeidungsstrategien:

  1. Simple Vermeidungsstrategien
  2. Komplexe Vermeidungsstrategien

Die simplen Vermeidungsstrategien wenden wir häufig an, wenn wir auf etwas keine Lust haben. Klassische verdächtige sind Dinge wie Sport, eine Steuererklärung, ein Arzttermin oder Hausaufgaben. Ich denke du weißt, was ich meine.

Die häufigste Ausrede, die wir hier benutzen, ist „keine Zeit“ oder „mach ich später“.

Wenn ich mir vornehme einen Artikel zu schreiben – wie diesen zum Beispiel – dann fallen mir häufig verdammt viele Gründe ein, warum jetzt kein guter Zeitpunkt ist, um mit dem Schreiben anzufangen:

Ich sollte vorher noch E-Mails checken, vielleicht ist ja was wichtiges dabei.

Heute fehlt mir die Inspiration zum schreiben.

Ich bin gerade ziemlich müde und brauch erst mal einen Kaffee. Oder zwei.

Ich sollte über das Thema noch mehr lesen und recherchieren.

Dienstag ist kein guter Tag zum schreiben.

Ach scheiße, warum bin ich nicht Blumenverkäufer geworden…

Dieser Art von Vermeidungsstrategie können wir mit etwas Selbstdisziplin gut gegensteuern. Wir können zum Beispiel lernen, unsere Willenskraft zu stärken und besser einzuteilen. Da unsere Willenskraft endlich ist und im Laufe des Tages schwindet, sollten wir wichtige Dinge zum Beispiel so früh wie möglich erledigen.

Eine weiterer guter Ansatz sind Gewohnheiten. Wenn ich Sport zu einer Gewohnheit mache, wird es mir deutlich leichter fallen, als wenn ich mich jeden zweiten Tag mit reiner Willenskraft dazu zwinge.

(Wie genau du mehr Disziplin entwickelst, deine Willenskraft stärkst und Gewohnheiten entwickelst erfährst du in diesem Artikel über Selbstdisziplin.)

Selbstdisziplin ist übrigens ein sehr wichtiger Faktor für unser generelles Wohlbefinden. 1 Es lohnt sich also, sich mit dem Thema zu beschäftigen.

Aber zurück zu den Vermeidungsstrategien. Komplizierter wird es bei der zweiten Art von Vermeidungsstrategie. Diese wenden wir häufig an, wenn etwas negative Gefühle in uns auslöst oder eine Bedrohung für unsere Identität und unseren Selbstwert darstellt.

Komplexen Vermeidungsstrategien sind häufig deutlich schwerer zu erkennen. Einige Beispiele sind:

  • Wir projizieren unsere Verhaltensweisen auf andere, leugnen sie aber bei uns selbst.
  • Wir meiden gewisse Situationen vollkommen.
  • Wir schieben anderen oder der Situation die Schuld in die Schuhe.
  • Wir entwickeln psychosomatische Beschwerden (wir bekommen in gewissen Situationen immer Kopf- oder Bauchschmerzen, werden extrem müde, etc.).

Mit komplexen Vermeidungsstrategien versuchen wir fast immer irgendeine Form von Angst zu vermeiden. Das Problem daran ist, dass a) Ängste mit der Zeit meistens größer werden und b) Ängste häufig zwischen dem stehen, was wir uns im Leben am meisten wünschen.

Nehmen wir als Beispiel einen Studenten, der Angst vor der Verantwortung der Arbeitswelt und des „Erwachsenwerdens“ hat.

Er ist gut möglich, dass sich er sich im Studium unbewusst immer wieder selbst sabotiert, da er Angst davor hat, das Studium zu beenden. Falls er es dann doch beendet, überlegt er vielleicht noch zu promovieren, obwohl es ihn gar nicht interessiert, nur um sich weiterhin nicht seiner Angst stellen zu müssen.

Promoviert er, „füttert“ er seine Angst weitere 3-4 Jahre, wenn nicht noch länger, da er ja die Promotion vielleicht auch hinauszögern wird. Doch je länger er wartet, desto größer wird seine Angst vor der Verantwortung und dem Erwachsenwerden sein. Und wer weiß, mit welchen Ausreden er nach der Promotion ankommt… Ein weiteres Beispiel sind Menschen mit Bindungsangst. Häufig geraten diese Menschen immer wieder an emotional nicht verfügbare Partner. Ihre Vermeidungsstrategie ist in diesem Fall sich nur Partner auszusuchen, die schon vergeben sind oder aus einem anderen Grund emotional nicht verfügbar sind, so dass sie sich ihrer eigenen Angst nicht stellen müssen.

Sie wünschen sich zwar eine erfüllte Beziehung, doch ihre Angst führt zu einer Vermeidungsstrategie, durch die sie sich immer wieder selbst sabotieren. Und auch hier gilt: im laufe der Zeit wird die Angst vor Nähe wahrscheinlich nur noch stärker werden…

Doch wie können wir Vermeidungsstrategien erkennen?

Vermeidungsstrategien erkennen

Einer der besten Indikatoren für Vermeidungsstrategien sind sich wiederholende Muster. Wenn du zum Beispiel jedes Mal vor einer Präsentation kränkelst, dann ist das ein Muster. Oder wenn deine Beziehungen immer an der gleichen Ursachen scheitern, ist dies eben Fall ein Muster.

Wenn sich bei dir in gewissen Situationen oder Lebensbereichen sich wiederholende Muster aufzeigen, dann würde ich dort mal etwas genauer hinschauen.

Ist es wirklich Zufall, dass du jedes Mal kränkelst, wenn du eine Präsentation halten sollst? Wahrscheinlicher ist, dass irgendeine Form von Angst dahinter steckt. Angst zu versagen; Angst, nicht gut genug zu sein; Angst, dich lächerlich zu machen; Angst, erfolgreich zu sein. Es ist wichtig, dass du die Angst erkennst, denn erst dann kannst du daran arbeiten und sie auch überwinden.

Abgesehen von Mustern es ist hilfreich, knallhart ehrlich zu sich selbst zu sein und versuchen, deine eigenen Lügen zu erkennen.

Was bedeutet das konkret?

Hinter so gut wie jedem menschlichen Problem liegt eine gewisse Form von Angst. Überlege also, in welchem Lebensbereich es bei dir nicht so läuft, wie du es gerne hättest. Und dann versuche herauszufinden, was für eine Angst dahinter stecken könnte. Und wenn du eine Angst erkannt hast, dann frage dich, welche Angst hinter dieser Angst steckt. Denn da liegt oft der Hund begraben.

Vor einiger Zeit bat mich ein junger Mann um Rat. Dieser Mann ist Unternehmensberater, hat aber auch einen Blog und wollte sich dem Schreiben hauptberuflich widmen. Er verdiente mit dem Blog auch schon einige hundert Euro im Monat, doch es reichte noch nicht ganz zum Leben.

Er sagte mir, dass er gerne seinen Beraterjob kündigen würde um sich ganz dem Bloggen zu widmen. Allerdings hatte e Angst davor, dass es finanziell nicht reichen würde.

Er selbst hatte sich jedoch vor einiger Zeit geschworen, dass wenn er 20.000€ auf die Seite gelegt hätte, er seinen Beraterjob kündigen und sich ausschließlich dem Bloggen widmen würde. Als er mich um Rat bat, hatte er allerdings schon über 40.000€ gespart und traute sich immer noch nicht zu kündigen…

Ich stellte ihm daraufhin einige Fragen und letztendlich kam heraus, dass es gar nicht die Angst vor dem Finanziellen war, die ihn abgehalten hatte, sondern die Angst davor, seinen Vater zu enttäuschen. Sein Vater hatte sich nämlich immer gewünscht, dass sein Sohn eine erfolgreiche Karriere im klassischen Sinn hinlegt. Erst als der Mann seine eigentliche Angst erkannte, konnte er sie auch überwinden.

Das ist ein typisches Beispiel dafür, dass wir uns häufig solange im Kreis drehen, bis wir erkennen, was unsere eigentliche Angst ist. Erst wenn wir unsere Ängste erkennen, können wir uns ihnen stellen und etwas verändern.

Wie geht es weiter?

Wir entwickeln häufig Vermeidungsstrategien, da wir vor etwas Angst haben. Doch erst wenn wir unsere Ängste erkennen und uns ihnen stellen, können wir etwas in unserem Leben verändern.

Alles was du zum Thema Ängste und Ängste überwinden wissen musst, erfährst du in diesem Artikel.

1 Baumeister, R & Tierney, J.  (2012). Willpower: Rediscovering the Greatest Human Strength

Über den Autor

Anchu Koegl

Anchu Kögl ist Autor und Weltreisender. Er hat im Jahr 2012 sein Studium abgebrochen und sich mit seiner Webseite selbstständig gemacht. Seitdem reist er um die Welt und gibt auf seinem Blog ungewöhnliche Lebenstipps.

 

 

 

 

 

photo Titelbild: unsplash.com
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